Helmut Mair

Suum Cuique/Idem Cuique –
Jedem das Seine/Jedem das Gleiche, 1998

Die halbtransparenten Vorhänge zeigen zunächst ein unklares ansprechendes Muster. Im nichtmusealen Ausstellungsraum könnten Sie ein weiteres Raumaccessoire, etwa ein edel gestalteter Sichtschutz sein. Erst bei genauerem Hinsehen aus bestimmten Blickwinkeln und Distanzen erkennt man Menschen mit erhobenen Armen. Durch die serielle Reihung der einzelnen Strickstücke wird daraus einen bewegte Menschenmenge. Das Originalmotiv war eine Gruppe von Flüchtlingen, die sich hilfesuchend an den Fotografen wandte. Aber auch andere Interpretationen sind möglich.
Zwei bis vier Videomonitore ergänzen je nach Raumsituation und Größe die Vorhänge. Vorzugsweise befinden sie sich hinter den Vorhängen. Auf Ihnen blenden sich die Schriftzüge „Jedem das Seine“ und „Jedem das Gleiche“ wie in einem Atemrhythmus ein und aus. Diese beiden Begriffe hatten im Laufe der Historie eine unterschiedliche Bedeutung und sind sehr unterschiedlich verwendet und interpretiert worden. In unregelmäßigen Abständen blitzt für Sekundenbruchteile das Tor des Konzentrationslagers Buchenwald auf, unterbricht den Rythmus und bleibt wie ein Negativbild auf der Netzhaut des Betrachters hängen.
Die Typografie der Schriftzüge folgt der Gestaltung des Bauhaus-Architekten Franz Ehrlich. Als Widerstandskämpfer wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt wurde er als Häftling dazu gezwungen, den Schriftzug „Jedem das Seine“ für das Eingangstor zum KZ Buchenwald zu entwerfen. Ehrlich entwarf die Schrift hierfür in Anlehnung an seinen Bauhaus-Lehrer Herbert Bayer und sah darin eine subversive Auflehnung gegen das NS-Regime, die durch die SS-Lagerkommandatur nicht entschlüsselt werden konnte. Das Bauhaus wurde auf Betreiben der Nationalsozialisten geschlossen, seine Ästhetik abgelehnt und verfolgt.

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